Tilopa war ein bedeutender indischer Verwirklicher.
Der Überlieferung zufolge traf er den Freudenzustand
des Buddha von Angesicht zu Angesicht und erhielt so alle
Übertragungen des Vajrayana. Er fasste zudehm verschiedene
Übertragungen von menschlichen Lehrern zusammen, weshalb
er auch als der Urvater der Kagyü-Linie des tibetischen
Buddhismus gilt.
Die Lebensgeschichte von Tilopa ist sehr mystisch. Die
früheste Quelle stammt von Marpa, dem Übersetzer.
Tilopa wurde in eine Brahmanen-Familie in Ost-Indien geboren,
nachdem die Eltern starke Wünsche für die Geburt
eines Sohnes gemacht hatten.
Der Überlieferung zu folge erschienen eines Tages Dakinis,
und sagten der Mutter: „Auch wenn du dein Kind sorgfältig
fütterst, so kannst du seinen Tod doch nicht vermeiden“.
Die Mutter fragte darauf, was sie tun solle. Die Dakinis
rieten ihrem Sohn, er solle die Büffel weiden und den
Dharma lernen. Später, als er gerade die Büffel
weidete, erschienen ihm dieselben Dakinis und fragen nach
seinem Namen, seiner Heimat, seinen Eltern usf. Als er darauf
die Namen seiner leiblichen Eltern, seinen Geburtsort und
seinen Namen nannte, antworteten die Dakinis: „Dein
Land ist Uddiyana, dein Vater ist Chakrasamvara, deine Mutter
Vajravarahi. Weide nicht diese Büffel, weide die Büffel
der Erfahrung.“ Tilopa verstand diese Aussage nicht,
und so rieten ihm die Dakinis, erst mal den Dharma zu lernen.
Er ging ins Kloster und hatte rasch wichtige Posten inne.
(Einigen Quellen zufolge veranlasste Nagarjuna, einer der
Lehrer Tilopas, dass Tilopa König wurde. Er konnte
dank seinen Fähigkeiten einen Krieg gegen einen Nachbarstaat
unblutig beenden.)
Die Überlieferung berichtet wiederum von einer Dakini,
welche Tilopa inspirierte, mehr zu meditieren. Um seine
klösterlichen Verpflichtungen loszuwerden, schmiss
er einen Weisheitstext (Prajnaparamita-Text) in den Fluss
(welchen die Dakini auffing) und so konnte er aus dem Kloster
austreten.
Er zog in eine andere Stadt und arbeitete tagsüber
als Sesamstampfer und nachtsüber als Gehilfe einer
Prostituierten. Diese Tätigkeiten können sowohl
wörtlich gemeint sein, als auch im Übertragenen
Sinn: Beim Sesamstampfen arbeitet er die Essenz des Samens
hervor (die allen Wesen innewohnende Buddhanatur, welche
durch Schleier (beim Sesamsamen Schalen) verborgen sind)
und als Gehilfe einer Prostituierten arbeitet er an der
dem Raum innewohnenden Freude.
Tilopa zeigte viele aussergewöhnliche Taten und befreite
viele. Er zeigte sich auch in der Form von Chakrasamvara
und als Körper aller Buddhas. Er traf Diamanthalter
(Dorje Chang) von Angesicht zu Angesicht und machte die
Aussage: „Ich habe keine menschlichen Lehrer. Mein
Lehrer ist Dorje Chang.“ Er gilt deshalb als der Gründervater
der Kagyü-Linie, weil er die Übertragung sämtlicher
tantrischen Belehrungen direkt vom Freudenzustand des Buddha
erhielt. Weil das für seine Schüler jedoch schwer
nachvollziehbar war, zog er herum und bekam von menschlichen
Lehrern noch einmal alle Übertragungen.
Er hatte 4 Hauptlehrer, die ihm jeweils ein Tantra und
die damit verbundene Praxis übertrugen. Danach ist
die Kagyü-Linie auch benannt (Ka-gyü ist die Kurzform
von “Die vier Ströme von mündlichen Anweisungen“.
Nach Manfred Seegers (2001) sind die vier Übertragungslinien:
Osten: Shakyamuni – Indra Bhodi – Visukapala
(Schwester oder Tochter von Indra Bhodi) – Saraha
– Nagarjuna ( - Ayadeva, Chandrakirti, Matangi) -
Tilopa
Tantra: Guhyasamaja-Tantra (Sangwa Düpa)
Praxis: Illusionskörper und Klares Licht
Norden: Shakyamuni – Indra Bhodi - Sumati (Mahasiddha)
– Tanglopa – Schinglopa – Kanaripa –
Salendaripa – Krishnatscharia (oder Tschariapa) –
Tilopa
Tantra: Mahamaya-Tantra und Vajra Kattupita-Tantra
Praxis: Innere Hitze und Phowa
Westen: Shakyamuni – Indra Bhodi - Drombipa –
Vinasa – Lawapa – Tilpoa
Tantra: Hevajra
Praxis: Traumyoga
Süden: Shakjymuni – Ratnamati (Manjushri) –
Sukkanata (Liebevolle Augen) – Saraha – Luipa
– Tengipa – Darikapa – Sukkasiddhi (oder
Sukkadhari) – Gantapara – Tilopa
Tantra: Chakrasamvara-Tantra
Praxis: Innere Hitze und Bardo
Zudehm erhielt er Unterweisungen von Dakinis. In Uddiyana
bekam er die „Drei wunscherfüllenden Juwelen“
und die „Neun Belehrungen“, Anweisungen und
Beschreibungen zur wahren Natur des Geistes. (Anderen Quellen
zufolge bekam er erst die Belehrungen der Dakinis und zog
nach 12 Jahren Meditation in die Stadt)
Tilopa gab diese Übertragungen weiter an seinen Schüler
Naropa, welcher daraus die "6 Lehren Naropas"
formte und sie an Marpa weiter übertrug. Sie bilden
den "Weg der Methode" der Kagyü-Linie und
sind bis heute neben dem "Weg der Einsicht" (von
Maitripa an Marpa) der Hauptbestandteil der Kagyü-Schule.
Die "Meditation auf den Lehrer" (Guru-Yoga) ist
die Essenz des "Weges der Methode" und des "Weges
der Einsicht". Alle führen sie zum Erleben des
"Grossen Siegels" (Mahamudra).